01.01.2017, 19:00

Gabi Schottroff: «EM-Endrunde? Können wir schaffen!»

Supercup-Sieg 2016 mit Gabi Schottroff

Gabi Schottroff (links) schreit ihre Freude am Supercup 2016 heraus. (Bild: Markus Ulmer)

Vor acht Jahren löste sie ihre erste Lizenz, heute ist sie Teil des Profi-Kaders von Volero Zürich und hat soeben ihr Debüt in der Champions League erlebt. Notabene alles noch vor ihrem 20. Geburtstag. Die Karriere von Gabi Schottroff liest sich wie aus dem Bilderbuch. Doch wenn es nach der jungen Frau mit der stolzen Körpergrösse von 1.92m geht, ist der Zenit noch lange nicht erreicht – sowohl bei ihr persönlich als auch bei der Schweizer Nationalmannschaft.

«Ich war so nervös, ich habe fast in die Hose gemacht bei der Einwechslung», erinnert sich Gabi Schottroff an ihren ersten Einsatz in der Champions League Mitte Dezember in Russland gegen Dinamo Krasnodar. Trainer Zoran Terzic wechselte die Schweizerin ein für den Service – und das beim Matchball. «Ich hatte überhaupt nicht mit einem Einsatz gerechnet, aber ich war bereit und habe meinen Job gemacht. Das war cool!» Beeindruckt hatten die 19-Jährige viel mehr die Unterschiede im Spielbetrieb der Champions League im Vergleich zur Schweizer Meisterschaft. Alles sei anders, grösser, das Niveau so viel höher. Und auch die Match-Vorbereitung sei deutlich detaillierter als vor einem NLA-Match ausgefallen, beispielsweise das Video-Studium des Gegners.

Anfangs schüchtern, heute gelassen

Rückblende: Vor gut vier Monaten zieht Gabi Schottroff bei ihren Eltern in Steinen SZ aus und in ihre neue Bleibe in Zürich ein – ein Abenteuer. Der Anfang sei schwierig gewesen, die Unterschiede zu ihrem bisherigen Klub Volley Top Luzern gross: «Ich war den Weltstars gegenüber noch schüchtern, setzte mich im Training ab dem hohen Niveau stark unter Druck. Hatte ich in Luzern auf dem Feld noch Verantwortung übernommen, musste ich in Zürich wieder ganz hinten anfangen», sagt Schottroff. Heute sei jedoch alles einfacher, sie agiere unterdessen viel gelassener. «Fehler passieren, ich lerne in jedem Training viel, und meine Teamkolleginnen freuen sich mit mir über meine Fortschritte.» Kaum war sie in Zürich angekommen, spielte die 1.92m grosse Schweizerin im September mit der Schweizer Nationalmannschaft die 2. Runde der EM-Qualifikation. Für Headcoach Timo Lippuner ist die Mittelblockerin bereits eine Stammkraft. Er betont aber, dass in Schottroff noch viel Potenzial schlummere, das ausgeschöpft werden muss (siehe Kasten). Schottroff selbst hat die Nationalmannschafts-Saison genossen. «Wir sind alle etwa im gleichen – jungen – Alter und hatten viel Spass zusammen. Ich denke, das Team hat grosses Potenzial, die Resultate im Sommer sind erste Ausrufezeichen. Wenn wir langfristig zusammenbleiben und mit mehr Erfahrung in die Spiele gehen, können wir es in ein paar Jahren bis an eine EM-Endrunde schaffen, davon bin ich überzeugt!» Wie bitte? Solch ambitionierte Aussagen hört man im Schweizer Frauenvolleyball nicht alle Tage. Doch sie passen zum Charakter der jungen Innerschweizerin, die sich selbst als hoch motiviert und emotional bezeichnet. Auch wenn sie zugibt, dass sie ihre Emotionen auf dem Feld noch nicht immer in positive Energie umwandeln könne – kombiniert mit diesem Erfolgsdenken und ihrer frischen, unbekümmerten Art bringt Schottroff viel mit, um den Weg an die Spitze tatsächlich zu schaffen.

Anschauungsunterricht von Weltmeisterin Akinradewo

Schottroffs Umfeld scheint dafür geradezu perfekt. Mit der amerikanischen Weltmeisterin Foluke Akinradewo trainiert sie täglich Seite an Seite mit einer der besten Mittelblockerinnen der Welt. «Ich profitiere enorm von ihr. Gerade punkto Slide-Angriff kann ich mir viel abschauen bei ihr und sie gibt mir auch Tipps. Ich verstehe mich wirklich gut mit ihr», schwärmt Schottroff. Das Tempo sei im Volero-Training enorm hoch, was ihrer persönlichen Entwicklung und der Nationalmannschaft in den Länderspielen sicherlich zu Gute kommen wird, meint sie. «Ganz allgemein profitiere ich sehr von den Weltklasse-Strukturen bei Volero. Auch medizinisch sind wir hochprofessionell betreut. In jedem Training ist ein Physio dabei und unsere Kraftprogramme sind individuell ausgearbeitet. Auch wenn der Anfang nicht ganz einfach war, ich habe den Schritt nach Zürich noch keine Sekunde bereut», sagt die 19-Jährige.
Zurzeit absolviert Schottroff neben dem Trainingsbetrieb ein Praktikum im Office der Volero Zürich AG. Es sei sehr interessant zu erfahren, was im organisatorischen Bereich alles hinter einem Profibetrieb steckt. «Schwierig wird’s nur, wenn mich meine Teamkolleginnen ausquetschen wollen, wann die nächsten freien Tage geplant sind», sagt sie schmunzelnd, «aber da halte ich jeweils komplett dicht.» Disziplin herrscht also auch im Büro. Ab dem Sommer wolle sie voll auf die Karte Sport setzen, sagt Schottroff: «Mir ist klar, dass meine 1.92m mein grosses Plus sind, ich Volleyball spezifisch aber noch viel zu lernen habe. Ich bin sehr gespannt, herauszufinden, was möglich ist, wenn ich mich komplett aufs Volleyball konzentriere», sagt Schottroff, die ihre Karriere 2008 in Steinen gestartet hat und nach einer Station beim KTV Muotathal als 15-Järige mit Steinhausen in der NLB debütierte. Sie könne sich ausserdem im Kraftraum auch komplett auspowern, wenn sie ganz alleine trainiere. Ein weiteres Indiz für ihren grossen Willen.

Die Schottroffs – eine 1.90m-Plus-Familie

In Zürich wohnt Schottroff mit Laura Unternährer und Julie Lengweiler, den beiden anderen Schweizerinnen im Volero-Kader, in einer WG, in der die drei eine Menge Spass zusammen hätten. Von der Stadt selbst habe sie bisher noch nicht viel gesehen. «Neben dem Trainings- und Spielbetrieb bleibt nur wenig Freizeit. Ich mag Spaziergänge an der frischen Luft und natürlich treffe ich auch ab und zu Freunde», sagt sie. Eine Fahrt zurück ins Elternhaus nach Steinen liegt nur noch selten drin. Dabei sei sie ein grosser Familienmensch. «Zurzeit kann ich es mir weniger vorstellen, einmal weit weg von der Schweiz zu spielen, aber die Bundesliga und natürlich auch die italienische Liga würden schon noch drinliegen», meint sie augenzwinkernd und ergänzt: «Momentan bin ich bei Volero perfekt aufgehoben, ich werde hier gefördert, gefordert und habe alles, was ich zurzeit für meine Entwicklung brauche.» A propos grosse Familie: Die Schottroffs könnten gut und gerne als grösste Familie der Schweiz durchgehen, denn nicht nur Gabi ist grösser als 1.90m, sondern auch ihr Vater, ihr Bruder und … auch ihre Mutter! Heute sei sie stolz auf jeden Zentimeter, aber früher hätten Tuscheleien wie «Ui schau mal, die ist mega gross» genervt. Unterdessen weiss sie auch, wo in Zürich die extra langen Hosen und die Schuhe in Grösse 43 zu kaufen sind.

Wenn schon nicht auf der Piste, dann wenigstens im Eishockeystadion

Fast wäre aus Schottroff, die am 8. Februar 20 Jahre alt wird, übrigens eine Leichtathletin geworden. Auch diesen Sport übte sie als Kind mit viel Freude aus, ausschlaggebend für Volleyball war schliesslich nur etwas: «Ich bin der totale Mannschafts-Typ.» Deswegen – und weil ihre Eltern beide Schiedsrichter sind, ist sie seit Kindsbeinen wohl auch ein grosser Eishockey-Fan. Vor allem vom HC Davos. Es ist die einzige Liebe zum Wintersport, der sie frönen darf, denn Skifahren ist während der Saison einfach zu gefährlich. Im nächsten Sommer wiederum stehen mit der WM-Qualifikation und der Universiade wichtige Spiele mit der Schweizer Nationalmannschaft auf dem Programm. Und bis dahin wird sie sicher auch Zoran Terzic bei Volero noch einige Mal zu fordern wissen. Wer weiss, vielleicht führt die sympathische Innerschweizerin die Schweizer Nationalmannschaft eines Tages tatsächlich an die EM-Endrunde …

Timo Lippuner, Headcoach der Frauen-Nationalmannschaft, sagt über Gabi Schottroff:

«Gabi ist eine der ganz wenigen Schweizer Volleyballerinnen mit Gardemasse – also mehr als 1.90m Körpergrösse –, die wichtigste Voraussetzung für ihre Position in der Mitte. Sie hat ihre Stärken im Block, aber insbesondere in der Verschiebungsgeschwindigkeit, im Angriff und im Technikbereich hat sie noch enormes Potenzial, das sie ausschöpfen kann und muss. Die Grösse alleine wird nicht reichen, um später international bestehen zu können. Weiter muss sie den nächsten Schritt für ihre Karriere über ein professionelles Trainingsumfeld mit Topspielerinnen machen, was sie jetzt bei Volero vorfindet. Gabi ist eine Frohnatur und behält auch in schwierigen Phasen meist ihre gute Laune, was für ihre Entwicklung sehr wichtig ist und in harten Trainingsphasen den Fokus auf die Langfristigkeit erheblich vereinfacht.»

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